MAGEN ASPEKTE - Kompetenzzentrum für Magenerkrankungen

MAGEN ASPEKTE

Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüre

- Entstehung von Magengeschwüren
- Helicobacter pylori unterwandert die Abwehr
- Was macht dieses Bakterium so gefährlich für den Menschen?
- Wie werden Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüre behandelt?


Entstehung von Magengeschwüren Arzt

Im Reich der Mikrobiologie sind Bakterien die Könige. Obwohl sie mit einer Größe zwischen 100 und 1000 Nanometern* selbst bei 1.000facher Vergrößerung unter dem Mikroskop kaum auszumachen sind, beherrschen sie in gewissem Sinne die Welt. Bakterien leben fast überall und unter beinahe jeder Umweltbedingung. Die meisten Bakterien kommen sogar ohne Sauerstoff aus. Man findet sie in den kochenden schwefelhaltigen Quellen im Hochland Chiles und im ewigen Frostboden der Antarktis. Eine Handvoll Blumenerde enthält mehr Bakterien, als Menschen auf der Erde leben! Am 6. August 1996 überraschten Astronomen sogar mit der Nachricht, in einem Meteoriten seien außerirdische Bakterien gefunden worden. Bis heute streiten die Wissenschaftler, ob dies tatsächlich zutrifft – möglich wäre es immerhin. Der betreffende Meteorit stammt vom Mars und trägt die Bezeichnung ALH84001.

Zumindest auf der Erde ist es tatsächlich überaus schwer, einen wirklich "bakterienfreien" Platz zu finden. Selbst in den sterilen Operationssälen der Krankenhäuser, die bekanntlich mehrmals täglich desinfiziert werden, avanciert die absolute "Keimfreiheit" zu einer Herausforderung. Umso erstaunlicher mutet es an, dass dem menschlichen Organismus dieses Kunststück für einige Stellen in unserem Körper (fast) gelungen ist.

Wir erinnern an die Januar-Ausgabe des Online-Journals "MAGEN ASPEKTE". Dort befassten wir uns mit dem "Säurebad" in unserem Magen: Mit ihrem pH-Wert von etwa 2 (das bedeutet "sehr sauer") vermag die Magensäure beinahe jeden lebenden Mikroorganismus, der mit der Nahrung den Weg in unseren Körper genommen hat, zu vernichten. Die Magensäure ist dermaßen aggressiv, dass sie sogar Stahl zerstören könnte.

Der saure Magensaft löst eine Rasierklinge auf.

RasierklingeAngesichts dieser sich im Magensaft auflösenden Rasierklinge verwundert es nicht, dass der Magen noch bis vor wenigen Jahren als absolut bakterienfrei galt und damit ein wahres Musterbeispiel an Reinlichkeit war. Die kontinuierliche Produktion eines zähflüssigen Schleims, die ständige Präsenz körpereigener Abwehrstoffe (so genannter Immunglobuline) und eine permanente Magenperistaltik erschweren eindringenden Mikroben das Leben zusätzlich. Der Magen konnte nur bakterienfrei sein – das schien sonnenklar. Diese Situation sollte sich 1983 jedoch radikal ändern. In diesem Jahr entdeckten die beiden australischen Wissenschaftler Barry Marshall und Robin Warren ein Bakterium mit dem wohlklingenden Namen Helicobacter pylori im menschlichen Magen-Darm-Trakt.

 Foto von B. Warren und R. Marshall

B. Warren (links) und R. Marshall (rechts), die "Entdecker" von Helicobacter pylori.

Gerechterweise muss man eigentlich von einer Wiederentdeckung sprechen, denn das Bakterium wurde vermutlich bereits im Jahre 1893 beschrieben, geriet dann aber offensichtlich wieder in Vergessenheit. "H.P.", wie man den Keim im Sprachgebrauch der Einfachheit halber abkürzt, ist bisher – mit Ausnahme von vier bekannt gewordenen Fällen in Katzenmägen – ausschließlich beim Menschen gefunden worden. Um das tödliche Säurebad des menschlichen Magens zu überleben, hat sich das Bakterium wirklich allerhand Außergewöhnliches einfallen lassen:

Helicobacter pylori unterwandert die Abwehr

Das Bakterium überlebt die unwirtliche Säurehölle nicht nur kurzfristig, sondern vermag aufgrund eines langen evolutionären Anpassungsprozeß jahrzehntelang dort zu siedeln. Unmittelbar nach dem Eindringen in den Magen schafft sich der Erreger mit Hilfe eines speziellen Enzyms einen "basischen Schutzmantel" gegen die Säure. Gibt man zu einer Säure eine Base, so entsteht bekanntlich ein Salz und neutrales Wasser. Eine solche "Säureneutralisation" ist auch die Wirkungsweise vieler Antazida, die wir aus unserer März-Ausgabe kennen. Genau des gleichen Prinzips bedient sich das clevere Bakterium. Zudem besitzt H.P. hocheffiziente Geißelbündel als Antriebsmotoren, die ihm selbst im viskösen Magenschleim eine gute Beweglichkeit verleihen. Nachdem er die Magenschleimhaut erreicht hat, haftet sich der Keim dort über spezielle Klebe-Eiweiße - so genannte Adhesine - dauerhaft fest.

Was wir hier so salopp beschreiben, ist eigentlich nichts anderes als eine besonders aggressive Infektion. Infektionen bekämpft unser körpereigenes Immunsystem unverzüglich, indem es eine ganze Armada "biochemischer Kämpfer" aktiviert, die den Eindringling normalerweise rasch und vollständig vernichten. Ohne unser Immunsystem würden wir schon innerhalb eines Tages dem Angriff von Milliarden verschiedener Bakterien zum Opfer fallen. Helicobacter pylori ist es jedoch gelungen, unser Immunsystem zu überlisten. An seiner Oberfläche bildet der Keim Strukturen aus, die denen menschlicher Blutbestandteile** außerordentlich ähnlich sind. Dadurch wird das Bakterium nicht mehr als körperfremd erkannt und folglich auch nicht mehr bekämpft. Helicobacter pylori erinnert in diesem Sinne sehr an den sprichwörtlichen "Wolf im Schafspelz". Ohne medizinische Behandlung muss mit einer lebenslangen - also chronischen Infektion - gerechnet werden. Weil der Keim alle Abwehrmechanismen des menschlichen Körpers so gekonnt unterwandert, ist die Infektion mit Helicobacter pylori - die so genannte Helicobacteriose - weltweit verbreitet. In Deutschland sind etwa 40 Millionen (!) Bürger mit Helicobacter pylori infiziert.

Helicobacter pylori Das Bakterium Helicobacter pylori

Was macht dieses Bakterium so gefährlich für den Menschen?

Dort wo sich H.P. eingenistet hat, zerstört der Keim langsam die innere Schutzschicht unseres Magens. Eine "Magenschleimhautentzündung" ist die kurzfristige Folge. Jährlich werden zwölf Millionen Rezepte für Medikamente gegen eine solche "Gastritis" ausgestellt. Bei etwa einem Viertel der Betroffenen schreitet die Zerstörung der Magenschleimhaut durch H.P. fort, und es entstehen tiefe Läsionen, die sich vergrößern können. Die Schleimhautauskleidung wird dabei auf einem Stecknadel- bis Cent-großem Stück angedaut und "weggefressen". Ein Geschwür, das "Ulcus pepticum" hat sich gebildet. Je nachdem, wo es lokalisiert worden ist, spricht man vom Magen- bzw. Zwölffingerdarmgeschwür. In unserer Juni-Ausgabe werden wir erfahren, dass auch andere Faktoren zur Entstehung solcher Geschwüre beitragen können. 95 Prozent aller Zwölffingerdarmgeschwüre und etwa 80 Prozent aller Magengeschwüre entstehen jedoch auf dem Boden einer Infektion mit Helicobacter pylori. Weil auch der Magenkrebs in neun von zehn Fällen durch diesen Keim verursacht wird, erklärte ihn die WHO zum "definitiven Karzinogen".

Wie werden Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüre behandelt?

Magengeschwüre Beide Geschwüre sind nicht nur schmerzhaft, sondern bringen auch eine Reihe weiterer Gefahren mit sich. Es kann zu Blutungen und im schlimmsten Fall zum "Durchbruch" des Magens bzw. des Darmes kommen. Eine Behandlung ist daher unbedingt erforderlich. Beinahe alle Geschwüren können ohne Operation*** geheilt werden. Die Therapie besteht in der Gabe säurehemmender Mittel. Damit wird der "Verätzung" an den geschädigten Schleimhautstellen entgegengewirkt und der Defekt kann langsam abheilen. Obwohl es hierzu verschiedene Medikamente gibt, wissen wir bereits, dass Protonenpumpenblocker hier die sprichwörtliche "Nase vorn" haben. Im Allgemeinen reicht eine vierwöchige Omeprazol-Behandlung aus, um das Geschwür abzuheilen. Wir hatten ihn in unserer April-Ausgabe ausführlich vorgestellt.

Natürlich ist es sinnvoll, nicht nur die Beschwerden zu lindern, sondern gleichzeitig auch die Ursachen für die Entstehung des Geschwürs – die Helicobacter pylori-Infektion – zu beseitigen. Bakterien werden mit Antibiotika bekämpft. Gegen Helicobacter pylori sind zahlreiche Antibiotika in den Kampf geschickt worden. Teilweise sind mehr als vier verschiedene Medikamente drei- bis viermal täglich über einen sehr langen Zeitraum verordnet worden. Leider waren die oft unbefriedigenden Heilerfolge häufig mit vielfältigen unerwünschten Nebenwirkungen gepaart. Viele Experten waren der Meinung, dass eine tatsächlich wirksame Therapie die Anhebung des pH-Wertes im Magen auf 3 über einen Zeitraum von mindestens 18 Stunden täglich erfordert. In Deutschland wurde deshalb bereits im Jahre 1996 eine lediglich sieben Tage dauernde Behandlung eingeführt, die zwei Antibiotika mit dem Protonenpumpenblocker Omeprazol kombinierte. Diese so genannte Tripel-Therapie führte bei nahezu hundert Prozent aller Patienten zu einer vollständigen Ausrottung des Keimes. Sollte es gelingen, den Helicobacter pylori weitgehend aus deutschen Mägen zu verbannen, könnten Magen- und Darmgeschwüre hierzulande schon bald der Vergangenheit angehören und wären dann nur noch in den Lehrbüchern zu finden.

* Ein Nanometer ist der millionste Teil eines Millimeters.

** Den Spezialisten unter unseren Lesern sei verraten, dass die Oberflächenstrukturen von H.P. bestimmten Blutgruppenantigenen, dem Lewis x- und Lewis y-Antigen des Menschen, ähneln.

*** Lesen Sie in unserer Februar-Ausgabe unter der Rubrik "Interessantes aus der Medizingeschichte" über die Operationsmethoden "Billroth I" und "Billroth II" nach.



FAQ's: Woran erkennt man, ob ein Magengeschwür oder ein Zwölffingerdarmgeschwür vorliegt?

Antwort: Das Zwölffingerdarmgeschwür verursacht in der Regel keine Übelkeit. Frühestens eine Stunde, spätestens aber 3 bis 4 Stunden nach der Mahlzeit können krampfartige Schmerzen auftreten, die etwa zwei Stunden anhalten. Isst der Betroffene dann wieder kleine Mengen, werden die Beschwerden deutlich gelindert. Beim Magengeschwür treten die Schmerzen sofort nach dem Essen auf. Übelkeit und Erbrechen sind hier häufig. Fazit: Essen führt zu Schmerzen = Magengeschwür, Hunger führt zu Schmerzen = Zwölffingerdarmgeschwür.
 
 


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Wenn es zu Geschwüren kommt

Heute wollen wir unseren Exkurs über die Erkrankungen von Magen und Darm mit zwei wichtigen Krankheiten fortsetzen: Dem Magengeschwür und dem Zwölffingerdarmgeschwür. In diesem Zusammenhang müssen wir uns mit einem Bakterium befassen, das in den letzen Jahren für beträchtliche Aufregung gesorgt hat. Vielleicht ist es ja auch Ihnen schon aus der Presse oder dem TV begegnet: Sein Name ist Helicobacter pylori.

 



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