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Die Bedeutung der Bauchspeicheldrüse als Organ im Wandel der Zeit Unsere Nahrung besteht im Wesentlichen aus drei Bestandteilen – Kohlehydraten (z.B. Zucker und Stärke), Eiweißen und Fetten. Alle drei sind zunächst in kleinere "Teile"* aufzuspalten, damit sie über die Dünndarmschleimhaut vom Körper aufgenommen werden können. Die Aufspaltung mancher Kohlehydrate findet bereits im Mund statt. Im Dünndarm wird die Spaltung übrig gebliebener Kohlehydrate vollendet. Lediglich das Kohlehydrat "Zellulose" kann der Mensch nicht verarbeiten. Es wird unverdaut ausgeschieden (Tiere haben hingegen spezielle Verdauungsenzyme, die auf Zellulose spezialisiert sind – sie können deshalb Stroh, Gras oder sogar Holz verdauen). Die Spaltung der Eiweiße beginnt erst im Magen. Immerhin 15 Prozent aller Eiweiße werden hier bereits in eine für den Körper verwertbare Form gebracht. Massiv beginnt die Aufspaltung der Eiweiße jedoch erst im Zwölffingerdarm. Dabei spielen die im Verdauungssaft der Bauchspeicheldrüse enthaltenen Proteasen eine herausragende Rolle. Die täglich mit der Nahrung aufgenommenen 60-80 Gramm Fett werden fast ausschließlich nur im Dünndarm gespalten. Neben den Gallensäften sind hierzu unbedingt bestimmte Enzyme aus der Bauchspeicheldrüse –die so genannten Lipasen – erforderlich.
Dieser kleine Exkurs in die "Verdauungsphysiologie" hilft uns zu verstehen, dass wir ohne Bauchspeicheldrüse in gewissem Sinne verhungern müssten. Auch wenn wir Unmengen an Nahrung zu uns nähmen – fast das gesamte Fett würde ungenutzt wieder ausgeschieden werden. Glücklicherweise leistet sich die gesunde Bauchspeicheldrüse einen besonderen Luxus. Sie produziert sehr viel mehr Enzyme, als wir wirklich benötigen. Selbst bei einer Restproduktionskapazität einer erkrankten Bauchspeicheldrüse von nur 10 Prozent, haben wir noch keine ernsthaften Verdauungsprobleme. Menschen, bei denen die Bauchspeicheldrüse überhaupt nicht mehr arbeitet, müssen jedoch die benötigten fettspaltenden Enzyme immer als Tablette zu sich nehmen. Heutzutage stehen dafür wirksame Medikamente zur Verfügung. In den vergangenen Jahrhunderten versuchte man sich hingegen mit den merkwürdigsten Methoden zu behelfen. Dass die Verdauung vor allem im Darm stattfindet, hatte man bereits frühzeitig erkannt. Empedokles von Arigent (483-420 v.Chr.) glaubte zwar noch, sie wäre eine Art Fäulnisprozess, aber schon knapp hundert Jahre später begann Eudemus (ca. 300 v.Chr.) zu ahnen, dass die Bauchspeicheldrüse hier eine Rolle spielen könnte. Leider geriet diese Vermutung dann wieder in Vergessenheit. Die Bauchspeicheldrüse wurde für Jahrhunderte nur als ein besseres "Polster" für die anderen inneren Organe betrachtet. Eine eigenständige Funktion konnte man nicht erkennen. Tieren, denen Johann Conrad Brunner (1653-1734) die Bauchspeicheldrüse entfernte, erkrankten zwar an der Zuckerkrankheit (in der Bauchspeicheldrüse wird nämlich auch das lebenswichtige Insulin hergestellt) – für die Verdauung selbst blieb dieser Eingriff aber folgenlos. Man erklärte die Bauchspeicheldrüse kurzerhand für nutzlos. Unsere Leser werden an dieser Stelle ahnen, dass die damaligen Forscher nicht die ganze Bauchspeicheldrüse entfernt hatten. Einige wenige übrig gebliebene Zellen reichten aus, um die nötigen fettspaltenden Enzyme in ausreichender Menge zu produzieren. In den folgenden Jahren erlebte der antike Gedanke vom Nutzen der Bauchspeicheldrüse beim Verdauungsgeschehen glücklicherweise eine Renaissance. Im Jahre 1872 stellte sich der Arzt Wilhelm Olivier von Leube (1842-1922) die Aufgabe, Patienten zu ernähren, die auf "normalem Wege" keine Nahrung zu sich nehmen konnten. Manche dieser bedauernswerten Patienten hatten schwere Erkrankungen des Mundes, der Speiseröhre oder des Magens. Sie sollten seinerzeit durch Klistiere ernährt werden. Dabei versuchte man dem Körper allerlei nahrhafte Leckerkeiten, aber auch Fleischbrühe, Milch oder sogar Wein gewissermaßen "von hinten" zuzuführen. Auch wenn uns das heute kurios erscheint, waren Klistiere noch zu Zeiten Ludwig XIV. fast eine höfische Mode. Sie wurden auch zur Gesundheitspflege oder sogar in "kosmetischer Absicht" angewandt. Es wird berichtet, dass es "Madame la Dauphine", die Schwiegertochter des Sonnenkönigs, sogar fertig brachte, sich im Salon in Gegenwart des Regenten durch ihre Kammerfrau in aller Heimlichkeit ein Klistier unter den Rock schieben zu lassen.... Leube begann sich zu fragen, ob die damaligen Nährklistiere überhaupt ihren Sinn erfüllten. Er wusste inzwischen von der Bedeutung des "Saftes der Bauchspeicheldrüse", ohne den eine Aufspaltung der Nahrung nicht möglich ist. Es gab daher Vorschläge, die betreffende Klistiernahrung außerhalb des Darms vorzuverdauen. Leube wählte einen anderen Weg. Er mischte einfach kleingeschabte Bauchspeicheldrüsen von geschlachteten Tieren mit dem Nährklistier und verabreichte das Ganze dann dem Betroffenen. Der findige Forscher war damit der erste, der die Bauchspeicheldrüsensubstanz therapeutisch einsetzte. Die "künstliche Ernährung" geht heute andere Wege. Für die Behandlung von Patienten mit einer kranken Bauchspeicheldrüse wird Leube's Prinzip jedoch noch immer genutzt. Natürlich erfolgt dabei die Zufuhr der erforderlichen Enzyme mit einer Tablette und die Patienten essen ganz normal... * Kohlehydrate werden zu Monosacchariden abgebaut, Eiweiße zu Aminosäuren und Fette zu Triglyzeriden bzw. Fettsäuren. |
Die Bauchspeicheldrüse
Kohlehydrate werden zu Monosacchariden abgebaut, Eiweiße zu Aminosäuren und Fette zu Triglyzeriden bzw. Fettsäuren.
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