"GEBER"– ein geheimnisvoller Gelehrter?
Neben der Astronomie und dem Kalenderwesen gehört die Medizin zu

den ältesten Wissenschaftszweigen der Menschheit. Aus der Jungsteinzeit sind Skelettfunde bekannt, die auf chirurgische Operationen hindeuten. Damals nahm man sogar Schädelöffnungen vor, die offenbar medizinisch veranlasst waren. So sind Schädel aus der Zeit um 6.000 v. Chr. ausgegraben worden, die gleich drei Bohrungen, so genannte Trepanationen, aufwiesen. Moderne Unersuchungsmethoden konnten zwischenzeitlich bestätigen, dass manche Patienten diese Prozedur sogar überlebten. Sicherlich gehörten derartige Eingriffe auch seinerzeit eher zu den seltenen Ausnahmen. Alltäglichere Heilmethoden waren hingegen die Anwendung von Zubereitungen aus Pflanzenteilen zur Linderung von Schmerzen oder Verletzungen. Im Laufe der Jahrhunderte häufte sich ein unermesslicher medizinischer Wissensschatz an, der in zahlreichen Kompendien zusammengefasst wurde und so der Nachwelt erhalten blieb. Eines der bedeutendsten Werke, das angeblich im 7. Jahrhundert entstandene "Corpus Gabirianum" des arabischen Alchimisten Gabir ibn Haiyan as Sufi, fasst in 3.000 "Nummern" den damaligen Kenntnisstand der gesamten antiken Wissenschaften zusammen. Ein Kapitel enthält die ältesten bekannten Passagen über die theoretische Medizin, vor allem über die Viersäfte-Lehre. Heute ist dieses Werk in lateinischer Abwandlung des Namens seines Autors als "Geber" unter Historikern bekannt.
Die Historizität des Autors ist bis heute jedoch nicht unbestritten. Bereits im 10. Jahrhundert vertraten damalige bedeutende Gelehrte die Ansicht, Gabir ibn Haiyan as Sufi habe überhaupt nicht existiert, sondern mehrere andere Autoren würden unter diesem Pseudonym ihre Schriften verfasst und dann im Laufe der Zeit zusammengetragen haben. Diese Vermutung scheint nicht unbegründet. Sprachforscher entdeckten im Jahre 1930, dass mehrere religiöse Elemente des "Corpus Gabrianum" einer schiitischen Glaubensrichtung entnommen sind. Damit können die betreffenden Passagen nicht vor 900 n. Chr. verfasst worden sein. Außerdem finden sich Zitate von Aristoteles und Galen, deren Übersetzungen den Arabern erst seit etwa 800 bekannt waren. Wahrscheinlich entstand die heute bekannte Version des "Geber" sogar erst um das Jahr 1250. Um jedoch den Zweifeln über Entstehung und Autorenschaft dieses wertvollen Werkes nicht eine größere Bedeutung bei zu messen als deren Inhalt, entschloss man sich, die erwähnte Version, die im Übrigen als "summa perfectionis magisterii" ins Lateinische übersetzt wurde, als "Pseudo-Geber" zu bezeichnen.